Kategorien
Artikel & Beiträge

Das jüngste Gerücht

Quelle: Wikipedia Commons

Gerüchte gab es schon immer. Schon im Paradies hat die Schlange wohl behauptet das Gott gar nix merkt, wenn man vom Baum der Erkenntnis nascht. Ging nicht so gut aus – was uns eigentlich eine Lehre im Umgang mit Gerüchten sein sollte. Andererseits: Wie wird ein Klischee (oft die Vorstufe für ein Gerücht) eigentlich ein Klischee? Weil es oft stimmt. Scheinbar doch alles nicht so einfach.

Immerhin gibt es (mindestens) einen Berufszweig, der sich hauptberuflich mit Gerüchten bzw. deren Vermeidung beschäftigen sollte. Der Journalist. Vor dem Internet war das ein ziemlich klar umrissener Beruf. Um zu Publizieren musste man ziemlich professionell (oder reich) sein. Heute ist quasi jeder Onlineredakteur. Nicht das jeder Artikel schreibt, aber bei jedem geteilten Bericht oder verfasstem Status auf Facebook hat derjenige etwas publiziert. Und die Meinungsfreiheit lässt das in den meisten Fällen auch straflos zu. Besonders schlechte Nachrichten, oder welche die gerade gut ins Weltbild bzw. den Zeitgeist passen werden da gerne „viral“ verteilt. Viral ist auch so ein Wort. Es hat nicht umsonst seine Wurzel in Virus was meistens dem Betroffenen eher schlecht bekommt.

Noch härter ist es, wenn Gerüchte plötzlich allgemeines Wissen werden. Zum Beispiel hört man immer wieder, dass wir nur ??% (hier beliebige Zahl einsetzen) unseres Gehirns nutzen. Obwohl die Wissenschaft das schon seit mehreren Dekaden widerlegt hat und es auch aus evolutionärer Sicht wenig Sinn machen würde ein Organ im Leerlauf zu lassen, dass einen Löwenanteil unserer Energie verbraucht, lese ich das immer wieder und – noch schlimmer – es führt auch immer wieder zu nervigen Smalltalk Sessions. Bei sowas gibt es viele Beispiele. Gehirnjogging oder Sodoku die angeblich die Gehirnleistung steigern die aber nachgewiesener Weise nur eins bewirken: Man wird besser im Sudoku bzw. bei den geübten Aufgaben. Eine echte Transferleistung in andere Bereiche findet so gut wie nicht statt.

Während man über die oben genannten Beispiele noch schmunzeln kann (wenn man die Nerven hat), sind andere Fälle schon schlimmer. Zum Beispiel in der Pädagogik die Frage „Gibt es verschiedene Lerntypen?“. Eltern machen, seit dieser Begriff zum ersten Mal in Illustrierten aufgetaucht ist, den Lehrern – manchmal auch schon den Kindergärtnerinnen – das Leben schwer. Sogar Schulen bieten mittlerweile spezielle Unterrichtsformen an, je nachdem ob man der visuelle oder auditive „Typ“ ist. Hört sich alles toll an, ist aber wohl ziemlicher Quatsch. Das ist z.B. in der aktuellen Ausgabe von Gehirn & Geist schön von Frau Prof. Spinath erklärt die Pädagogische Psychologie an der Uni Heidelberg unterrichtet. Ergebnis beim Durchsehen der vorhandenen Studien zu diesem Thema: Jeder Mensch ist eine Mischform aus den versch. Lerntypen, der wesentliche Anteil am „Lernwert“ ist wie interessant es vermittelt wird (der Lehrer!!) und kurze Pausen helfen. Ist ja bahnbrechend. Trotzdem wird gerade wieder eine ganze Generation „Verlerntypt“ – ein Massenexperiment für das es keine wissenschaftliche Grundlage gibt.

Aber es trifft auch die Erwachsenen. Auch eine Art Gerücht ist die Aussage „Jeder kann es schaffen, wenn man sich nur anstrengt“. Dann kommen meistens Beispiele von erfolgreichen Machern.  Jeder Statistiker kann leicht erklären warum das Quatsch ist – wir sehen eben immer nur diejenigen bei denen es funktioniert hat. Die Millionen gescheiterten sehen wir nicht. Sie stehen nicht in der Zeitung. Dazu kommt das auch die Soziologie mit sehr guter Forschung gezeigt hat, dass die Schichten in unserer Gesellschaft extrem undurchlässig sind. Jeder der es genauer Wissen will sollte mal das Buch „Der Mythos von den Leistungseliten“ lesen. Trotzdem verdient sich eine Horde von Motivationstrainern eine goldene Nase indem sie Menschen „beraten“, die meistens aufgrund ihrer Ausbildung, Know-How oder finanziellen Mitteln keine Chance haben den Traum von Villa, Ferrari, Yacht und Sportwagen zu erreichen. Tragischerweise könnten diese Menschen trotzdem glücklich werden, wenn man sie ermutigen würde das Beste aus ihren Ressourcen zu machen statt stur unrealistische Ziele zu verfolgen.

Eine besondere Art von Gerücht wird oft von einem bestimmten Menschentyp produziert: dem Wichtigmacher – oder wie wir Mainzer sagen würden – dem Dummbabbler. Heute hatte ich dazu einen tollen Fall auf Facebook. Ein Blogger mit dem tollen Namen „karatetigerblog“ zeigt in einem Beitrag auf, dass der Rosenmontagszug in Mainz und anderswo wegen Terrorgefahr abgesagt wurde. Behaupten darf er das natürlich, aber ein Blick in den Text ist hier sinnvoll. Es gibt keine Quellen, im „About“ findet sich ein Platzhaltertext, ein echtes Impressum gibt es gar nicht und der Beweis für eine politische Verschwörung ist die Tatsache, dass der deutsche Wetterdienst mit der Wetterprognose etwas danebenlag – nicht ganz daneben – nur eben weniger Sturm als angesagt. Jetzt will ich nicht behaupten, dass ich die Gründe der Absagen kenne bzw. beweisen kann, aber so eine Terrorstory aufgrund dieser Fakten unter die Leute zu bringen ist schon ein Hammer. So wenig ansprechend und gepflegt die Blogseite ist, so geschickt war er im Zusammenstellung des Headers und der Abbildung. Die zeigt nämlich in bester Clickbaitmanier nur „Rosenmontagszüge in Mainz … definitiv nicht wegen Sturm…. abgesagt“. Glückwunsch! So setzt man Gerüchte in die Welt. Wahrscheinlich feiert IS schon, da wir uns jetzt schon selber Panik machen ohne das es überhaupt Aktionen gab.

Wolfgang Neuss - Buch zum LiveprogrammEigentlich ist der Umgang mit Gerüchten gar nicht so schwer. Die meisten würden sich schon beim etwas drüber Nachdenken in Luft auflösen. Wie wäre es mit einem Hinweisfenster „Sind Sie sicher das das Sinn macht was Sie hier teilen wollen?“ bei jedem Klick auf „Teilen“ bei Facebook. Außerdem gibt es ja auch noch sowas wie Google. Zu fast jedem Thema findet man sehr schnell die entsprechenden Metastudien (Metastudien sind Zusammenfassungen von vielen – idealerweise aller – Studien zu einem bestimmten Themenbereich. Man könnte auch sagen, sie fassen den Stand der Forschung zusammen und zu Allen existiert ein „Abstract“, der meistens nur wenige Sätze lang ist.) Aber allein die Frage ob das Gerücht mit Quellenangaben geliefert wird ist schon ein guter Anhaltspunkt. Macht man ja privat auch so.

Ein wahrer Meister im Gerüchtereview (Scheiß Anglizismen!) war übrigens der von mir hochverehrte und viel zu früh verstorbene Wolfgang Neuss – von dem übrigens auch der Titel dieses Beitrags geklaut ist. In seiner Show „Das jüngste Gerücht“ zeigt er sehr schön wie man mit selber Nachdenken zurecht kommt. Ein guter Ratschlag hilft aber in jedem Fall weiter: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten.

Peace – Euer Christian